Halles Universität ist über 300 Jahre alt und die Sektion Halle (Saale) des Deutschen Alpenvereins begeht gerade erst ihren 125. Geburtstag. Aus erklärlichen Gründen gibt es zwischen der alten Alma Mater und dem jungen Verein keine offizielle Verbindung, beider Archive schweigen trotz wohl gefüllter Regale zu dem Thema. Bei einem detaillierten Blick in die Geschichte zeigt sich jedoch eine Vielzahl von Beziehungen, eine Verflechtung von Interessen und Menschen, vor allem im persönlichen Bereich und außerhalb von aktenkundigen dienstlichen Obliegenheiten.

Die Gründung der Sektion Halle (Saale) des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins geht auf die Initiative der Professoren der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg Dr. Gustav Lastig (1844-1930) und Dr. Albert Wangerin (1844-1933) zurück. Lastig war von 1878 bis 1911 ordentlicher Professor für deutsches, preußisches, bürgerliches und Handelsrecht, 1888-1889 Rektor und anerkannter Rechtshistoriker. Wangerin ist von 1882 bis 1919 ordentlicher Professor für Mathematik an der philosophischen Fakultät gewesen, 1910-1911 Rektor, er verband sein Fach mit der Physik und Astronomie und war 1906-1921 Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Ob es des einen Vorlesungen über Bergrecht und des anderen Mitwirkung in der Prüfungskommission für das höhere Bergfach war, das die beiden honorigen und ordensgeschmückten Herren zusammengeführt hat, kann heute nur spekuliert werden. Sie jedenfalls fanden, dass es „zweifellos in ganz Deutschland und Österreich keine zweite Stadt von der Bedeutung Halles gäbe, die nicht eine Sektion des D. u. Ö. A.-V. besitzt“. Sie luden am 14.5.1886 „nach dem Hotel Stadt Hamburg, Zimmer 37 ergebenst ein“ und gründeten mit 22 gleichgesinnten Bürgern die Sektion des Alpenvereins.

Diese entwickelte sich in Halle prächtig, um 1900 hatte sie 500 Mitglieder, die beiden Professoren wechselten sich in den ersten Jahren im Vorsitz ab. Sie folgten der zeitgenössischen Mode, ins Gebirge zu ziehen und es für den Fremdenverkehr zu erschließen. Die Sektion baute in den Bergen am Ortler, dem höchsten Berg des Kaiserreiches Österreich-Ungarn, zwei Hütten mit den Zugangswegen aus dem Tal. Die „Halle’sche Hütte“ verbrannte 1918, die Monte-Vioz-Hütte steht seit 100 Jahren auf 3535 m Höhe, und man kann sie heute noch besuchen.

Zum Alpenverein fühlten sich besonders das Kaufmanns- und das Bildungsbürgertum hingezogen. So gehörte in Halle immer eine große Zahl von Angehörigen und Absolventen der Universität zu den Mitgliedern und dem Vorstand. Neben dem ganz-jährigen alpinistischen Programm fanden von Oktober bis Mai vor und nach dem 1. Weltkrieg „regelmäßig an jedem dritten Dienstag im Monat Vorträge, zumeist Lichtbildervorträge statt. Tagungsort war das Auditorium maximum der Universität, das stets gefüllt, öfters überfüllt war“. Die Themen waren neben Touren- und Expeditionsberichten wissenschaftliche Vorträge über Geologie, Geografie, Botanik u. a. Es wurde auch eine Bibliothek in Untermiete der Leopoldina unterhalten, die der Universitäts-Bibliotheksrat Dr. Bernhard Weißenborn betreute und die auch den Studenten für wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung stand.

Von 1922-1945 war Prof. Dr. Otto Kneise (1875-1953), der „Altmeister der deutschen Urologie“ und „hervorragende Gelehrte der Medizinischen Fakultät der Hallenser Universität“ gleichsam im Nebenberuf auch 1. Vorsitzender des Alpenvereins in Halle (Saale). Medizinstudium, Promotion, Habilitation und Professur an der Chirurgischen Universitätsklinik verbinden ihn in besonderer Weise mit unserer Stadt, wissenschaftlich zeichnete er sich durch Arbeiten über die Zystoskopie und Röntgenuntersuchung der Harnorgane aus. Wie im Beruf, war er auch als Bergsteiger, Maler und Fotograf und im Verein außerordentlich erfolgreich. Unsere Sektion verdankt ihm nicht nur den längsten Vorsitz, sondern auch zwei lesenswerte Festschriften (40 und 50 Jahre) und die Bemühungen, die Vereinstätigkeit nach dem Verbot des Alpenvereins durch die Aliierten nach dem 2. Weltkrieg wieder aufzunehmen.

In der DDR ist der Alpenverein jedoch nie wieder zugelassen worden, Bergsteigen, Wandern und Klettern fand außer im Privatleben, in verschiedenen staatlichen Sportorganisationen und in Betriebssportgemeinschaften statt. Und wieder fühlten sich erstaunlich viele Geistesarbeiter vom alpinistischen Fluidum angezogen, auch wenn man nicht mehr in die Alpen fahren durfte. Eine herausragende Persönlichkeit ist in dieser Zeit Dr. rer. nat. habil. Karl-Heinz Brauer (1919-1984) vom Physikalischen Institut der Martin-Luther-Universität gewesen. Er „scharte eine Gruppe Dozenten und Studenten um sich und gründete die Sektion Bergsteigen und Wandern der BSG Motor Süd“. Er wirkte maßgeblich bei der Erschließung der Klettergebiete um den Petersberg mit und hat in Halle eine Generation Bergsteiger „erzogen“. 1968 und 1969 gelang es ihm, Expeditionen in das Fan-Gebirge nach Mittelasien in der Sowjetunion zu organisieren, an denen wiederum viele Angehörige der MLU in ihrem Urlaub erfolgreich teilgenommen haben. Sie waren auch dabei, als im Jahre 1986 unter dem Titel „100 Jahre Bergsteigen in Halle“ des Geburtstages des nur noch als Exil-Sektion in der Bundesrepublik existierenden Vereins gedacht wurde.

Noch vor der Vereinigung Deutschlands wurde 1990 die Sektion des Deutschen Alpenvereins in Halle wieder gegründet und die „sportliche“ Verbindung zur MLU trat sogleich zutage. Viele Angehörige, Studenten und Ehemalige der Universität wurden Mitglieder. Tatkräftige Unterstützung kam dabei von Prof. Dr. Manfred Reichstein, dem nachmaligen Direktor des Geologischen Institutes und heutigem Ehrenmitglied unserer Sektion. Er fand auch einen Schatz, von dessen Vorhandensein niemand zu träumen gewagt hätte, das kostbare Archiv unserer Sektion aus dem 19. Jahrhundert, das auf wundersame Weise durch die historischen Verbindungen zwischen DAV, MLU und Leopoldina die beiden Weltkriege und deutschen Diktaturen überlebt hatte. Die Universität unterstützte den Alpenverein auch bei der Einrichtung der künstlichen Kletterwand an der Judo-Trainingshalle, und die Vorträge finden seit 20 Jahren als Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Institut für Geologische Wissenschaften statt.

Wenn die Sektion Halle (Saale) des DAV, die heute fast 900 Mitglieder zählt, am 14.5.2011 ihren 125. Geburtstag mit einer Vortragsveranstaltung begeht (beging), wird sie dies an historischer Stelle tun. Sie wird an den Ort ihrer Gründung in der Großen Steinstraße 73 zurückkehren können. Denn das ehemalige „Hotel Stadt Hamburg“ gehört lange schon der Universität, jetzt zur Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Es ist dem Alpenverein eine Ehre und Freude, zusammen mit dem „Verein insitu" Absolventen und Freunde der Wirtschaftswissenschaften an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg e. V.“ das Jubiläum an seinem Gründungsort zu begehen.

Dr. Ernst Fukala