Über Werbung mit der Post vor über 100 Jahren

3 Hallesche Htte KlDie Hallesche Hütte am Eisseepass (3133 m) im Ortlergebiet, der erste Hüttenbau unserer Sektion, ist am 21.8.1897 eingeweiht worden (Abb. 1). Wir würden in ihr im kommenden Sommer den 120. Geburtstag feiern, wenn sie nicht vor fast 100 Jahren, am letzten Tag des 1. Weltkrieges 1918, abgebrannt wäre. Auf ihrem Platz steht heute das Denkmal, das nach dem Entwurf unseres Ehrenmitgliedes

Manfred Haringer aus Göflan/Schlanders gemeinsam von der AVS-Sektion Martell in Südtirol und unserer Sektion 2011 errichtet wurde und uns erinnernd und freundschaftlich verbindet.

Unsere „Flachland“-Vorfahren in der „Sektion Halle (Saale) des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“ haben damals ihre künftige „Bergheimat“ in einer Zeit eröffnet, in der man, um Prestige zu gewinnen, heftig um den möglichst höchstgelegenen Hütten-Bauplatz konkurriert hat und der Ortler war der höchste Berg der „Monarchie“. In einer Zeit, als man nur knapp 300 Mitglieder zählte, aber voller alpinistischem Elan gewesen ist, in einer Friedensperiode mit wirtschaftlicher Hochkonjunktur und guten Finanzierungsmöglichkeiten und mitten im sich rasch entwickelnden Alpen-Tourismus.

Jeder Besucher, der es sich leisten konnte zur „Sommerfrische“ ins Gebirge zu reisen, hatte das Bedürfnis, all jenen eine Mitteilung zu machen, die zu Hause geblieben waren. Das Postkartenschreiben wurde in jenen Jahren große Mode, die Ansichtskarten hatten ihre hohe Zeit. Sie haben nicht nur Grüße übermittelt, vom erreichten Gipfel berichtet und die Schönheit der fernen Natur ins Haus gebracht, sondern nebenbei auch Werbung für den Ort betrieben, an dem der Schreiber gewesen war. Die Hallesche Hütte war nach ihrer Eröffnung, da sie ideal an der Kreuzung beliebter Hochtouren lag, von den Bergsteigern sofort angenommen worden. Im zweiten Betriebsjahr wurde sie bereits von 2400 Touristen besucht und hatte mehr als 1000 Übernachtungen.

Im Jahre 1902 wurde sogar eine „k.k. Postablage“ eingerichtet, wie es an kleinen Orten üblich war. So konnte der Hüttenwirt FIDELIS REINSTADLER in seinem Postamt über den Wolken offiziell österreichische Briefmarken verkaufen und erhielt dafür 1% des Erlöses.  Die Ansichtskarten wurden ihm aus Halle gebracht, um die Hallesche Hütte zu Ehren des Halleschen Alpenvereins in der ganzen Welt bekannt zu machen. Im Jahr 1902 hat der 1. Vorsitzende unserer Sektion, ALBERT STECKNER, z. B. mehrere tausend Karten mit verschiedenen Motiven bestellt. Die Abbildung zeigt eine der schönsten Ansichten der historischen Hütte von der Flanke der Eisseespitze (3230 m) aus, versehen mit dem Bestellvermerk „1000 Stück“ von der Hand des Chefs. Es gab einfache und Doppelkarten, in Schwarz-Weiß oder in Farbe und außer dem üblichen „Gruß von der Halleschen Hütte“ wurde der „Blick nach der Königsspitze“, „Monte Cevedale“ sowie „Blick auf Suldenspitze, Schrötterhorn und Kreilspitze“ feilgeboten.

Hall Htte HttenstempelAuf der Hütte wurden die Ansichtskarten mit dem Hüttenstempel versehen, von dem sich im Sektionsarchiv drei Varianten erhalten haben (Abb. 2). Auch dieser heute noch gebräuchliche „alpinistische Fingerabdruck“ trug zur Bekanntmachung der Hütte bei und der Absender konnte beweisen, dass er wirklich auf 3000 Meter Meereshöhe hochgestiegen war. Mehrere Ansichtskarten, die an den 1. Vorsitzenden oder an die Geschäftsstelle gerichtet waren, sind erhalten geblieben. Es hat seinerzeit einen in heutigen Tagen verblüffenden Stolz und eine Begeisterung gegeben, dem Sektionsvorstand mitzuteilen, dass man die Hallesche Hütte besucht habe und wie schön es dort oben gewesen sei. Weil der Platz oftmals nicht ausreichte, haben unsere Großväter ganz ungeniert den Kartenrand oder das Gletscherfeld des M. Cevedale beschrieben und es gibt Karten, die auf beiden Seiten mit herzlichen Grüßen und Unterschriften übersät sind. Nur das Adressfeld und die grüne 5-Heller-Briefmarke sind frei geblieben, auf der man, umkränzt von „ÖSTERREICHISCHE KAISERLICHE KÖNIGLICHE POST“, den ins Weite schauenden „FRANCISCUS JOSEPHUS I.“ erblickt.Hall Htte Postkarte

Die historischen „Correspondenz“- und Ansichtskarten, die in Österreich ab 1885 für den Postverkehr zugelassen waren, üben auf den heutigen Betrachter einen besonderen Reiz aus und sind im Laufe der Zeit zu begehrten Sammlerstücken geworden. Sie sind nicht nur als Dokumente vergangener Zeiten wertvoll, sondern bestechen durch die Güte ihrer Gestaltung, die in der Gegenwart, von Ausnahmen abgesehen, verloren gegangen ist. Unsere  historische Postkarte wurde, wie auf dem Rand vermerkt, von der „Kunstanstalt Louis Glaser in Leipzig“ im Autochrom-Verfahren in Farbe entworfen. Dazu muss der Fotograf mit seiner schweren Plattenkamera und einem Stativ die Eisseespitze bestiegen haben, die über die Schaubach- oder die Hallesche Hütte  gut zugänglich geworden war. Er musste schönes Wetter abwarten, um im Autochrom-Verfahren, einer frühen Technik der Farbfotografie, ein großes Glas-Diapositiv zu belichten, das als Vorlage für die Lithographie geeignet war. Auf den linken Kartenrand hat unsere Sektion den Hinweis drucken lassen, dass sie ihre Ansichtskarte „im eigenen Verlag“ hergestellt hat. Es kann vermutet werden, dass man Kosten sparen wollte und den Verlagsbuchhändler K. KNAPP, der in dieser Zeit Mitglied im Hüttenausschuß unserer Sektion gewesen ist, mit diesem Auftrag betraut hat.

Das erste Hüttenbuch der Halleschen Hütte kann als Museumsstück im Touriseum in Meran bewundert werden, das letzte wird vor 99 Jahren verbrannt sein. In einer Kasette am Denkmal der Halleschen Hütte (siehe die Abb. in der Fotoshow oben) auf dem Eisseepass befindet sich ein „Gipfelbuch“, in das sich seit 2011 Besucher eintragen können. Es sind nicht mehr so viele wie im vorigen Jahrhundert, aber es waren neben Deutschen, Italienern, Österreichern, auch Holländer, Tschechen, Slowaken und Russen bei unserer Gedenkstätte. Wir finden auch die Einträge: „Am 21. April 2013 hat Bergführer Ulli aus Meran das Buch im hohen Schnee wieder zugänglich gemacht“ und „Pierre“ hat im August ein Bild der alten Hütte gezeichnet. Im gleichen Jahr haben sich neben zwei Vereinen (ohne Zahlenangabe) 120 Bergsteiger eingetragen. 2015 war eine Bergsteigergruppe unserer Sektion am Ortler unterwegs und hat bei dem Denkmal der konfliktreich verschlungenen Geschichte von Deutschland und Südtirol gedacht. Dem Gedenken der Vergangenheit um die Hallesche Hütte wäre angemessen, wenn im August 2017 Blumensträuße auf dem Eisseepass niedergelegt würden. 

Ernst Fukala und Dieter Schiene