Helga Reichstein kleinEhrenmitglied 2005

Helga Reichstein, geb. Adels, wurde am 20.12.1928 als Tochter eines Bergingenieurs in Borken bei Kassel geboren. Sie wuchs inmitten von vier Geschwistern auf, worin eine Quelle ihrer warmen Mitmenschlichkeit zu vermuten ist, jener besonderen Eigenschaft, die wir alle an ihr schätzen und die man heute in entstellender Weise „soziale Kompetenz“ nennt.

 

Als Helgas Vater Bergrat wurde, also hoher Beamter der Bergbehörde, zog die Familie nach Halle (Saale) um. Zu jenen Zeiten trug in unserer alten Salzstadt der Bergrat gleichzeitig den Titel des „Salzgrafen“. Da dieser später nicht mehr vergeben worden ist, wurde sie die Tochter des letzten Salzgrafen und dadurch gleichsam geadelt. Das Kind erwarb damit das Privileg, am Brauchtum der Halloren, der „Salzwirkerbrüderschaft im Thale zu Halle“ aktiv teilzunehmen, allerdings mit Ausnahme des traditionellen Pfingstbieres.

Helga Adels besuchte in Halle die Volksschule, danach das Ina-Seidel-Lyzeum und machte mit 17 Jahren 1946 das Abitur. Anschließend hat sie zwei Jahre für das stolze Gehalt von 160 Mark als geologische Hilfskraft gearbeitet. Von 1948 bis 1953 studierte unser Ehrenmitglied Geologie zunächst in Halle und später in Jena, wo es nebenbei auch Chefsekretärin am Lehrstuhl für Geologie gewesen ist. In dieser für Studentinnen der damaligen Zeit eher ungewöhnlichen Nebentätigkeit darf eine weitere frühe Prägung für ihr späteres Leben vermutet werden, nämlich der kluge Umgang mit Menschen, der Blick auf Wesentliches und der perfekte Umgang mit Wort und Schrift, einschließlich der hierzu benötigten Werkzeuge , bis hin zum Personalcomputer. Nach dem Abschluss des Studiums als Diplomgeologin hat Helga Reichstein von 1953 bis 1956 bei der Staatlichen Geologischen Kommission in ihrem Beruf gearbeitet.

In der Zeit des Studiums hatte es während eines Geländepraktikums zwischen Helga Adels und Manfred Reichstein „gefunkt“, wie sie heute im Originalton sagt. Nach dem Examen heirateten die beiden und fuhren, was vor dem Mauerbau von 1961 noch möglich gewesen ist, mit der „AWO“, jenem legendären schweren DDR-Viertaktmotorrad in die Alpen. Sie donnerten über die deutsche Alpenstraße, besuchten das Berchtesgadener Land sowie das Zillertal. Frau Reichstein berichtet heute, dass diese Reise ihre erste Berührung mit den Alpen gewesen sei, die zu einer bis auf den heutigen Tag anhaltenden Faszination geführt habe. Damals schon hat das „Unternehmen Reichstein“ offenbar seinen produktiven partnerschaftlichen Arbeitsstil entwickelt. Ihr Mann erklärte ihr die Alpen und sie erläuterte ihm die zugehörige Pflanzenwelt.

Es folgte ein Lebensabschnitt von mehr als eineinhalb Jahrzehnten, den Helga Reichstein in gewohnter Bescheidenheit ihre „Mutterpause“ nennt. Dass dies alles andere als eine Pause gewesen sein muss, ist jedem Kenner der Reichsteinschen Familiendynamik klar. Helga wurde Mutter dreier Söhne, sie blieb Hausfrau, besuchte mit ihrem Mann, der inzwischen wissenschaftliche Meriten erwarb, die Geologenkongresse, sie schrieb für ihn die vielen Bücher und Publikationen und hielt ihm, wie man so zu sagen pflegt, „den Rücken frei“. Sie erzählt mit leuchtenden Augen, dass dies „eine sehr erfüllte Zeit“ gewesen sei und man glaubt ihr das auch. Fand sie in jenen Jahren doch auch noch die Zeit, ihren seit der Kindheit
geliebten Sport weiter zu betreiben. Sie hatte früher viel und erfolgreich Tennis gespielt, war 1947 Tennismeisterin von Halle und schwang nun in der ersten Frauenmannschaft von Einheit Halle wieder den Schläger. Sie trainierte die Jungenmannschaft, sammelte verschiedene Sportauszeichnungen und wurde unter anderem „Verdienter Trainer des Volkes“. Hier liegt vielleicht diese besondere Kraft begründet, die allen Freunden und Bekannten des „Reichstein-Doppels“ begegnet und von der unsere Sektion sehr viel profitiert hat: Kraft und sportlicher Geist, Anspruch und Kreativität, Fleiß und Leistung.

Nachdem die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, nichts beschreibt diese Zeit besser, als die gebräuchliche Bezeichnung eines solchen Lebensabschnittes in einer ostdeutschen Frauenbiographie, hat Frau Reichstein von 1973 bis 1990 am Institut für Geographie der Martin-Luther- Universität Halle (Saale) in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Natürlich war sie wieder Chefsekretärin (welcher Chef hat sich nicht händeringend nach einer solchen Perle gesehnt, wie sie eine war), des weiteren war sie Kustodin der Kartensammlung, Studenten-Beraterin, Ökonomische Beauftragte und heiß umschwärmte Schreiberin (sowie heimliche Lektorin) für diverse Diplomanden, Doktoranden und Habilitanden, erfahren im Umgang mit universitären Vorschriften, eingeweiht in die Materie des Dudens und bewandert in allen Geheimnissen des Ormig-Umdruckverfahrens sowie der Wachsmatrize. Ihre Leistungen waren so wertvoll, dass sie mehrfach als Aktivistin ausgezeichnet worden ist. Nach der friedlichen Revolution von 1989 hat sie dann in aufrechter Haltung das typische ostdeutsche Berufsschicksal ertragen – sie wurde entlassen. Stark wie diese Frau ist, hat sie aber auch daraus etwas gemacht und einige Jahre als „Mädchen für alles“ in der Evangelischen Stadtmission gearbeitet.

Zu allen Zeiten hat Helga Reichstein mit ihrem Mann Reisen in die Berge unternommen. Die Alpen und das sog. kapitalistische Ausland blieben ihnen nun verschlossen, aber die vielen Fahrten in den Kaukasus, die Karpaten und andere östliche Gefilde sind Ihnen mehr als ein billiger Ersatz gewesen. Nach unvergesslichen Erlebnissen befragt, antwortet Helga Reichstein mit der Schilderung einprägsamer Bilder: Wie sich in der Mongolei die Landschaft aus dem Flugzeug gesehen aufblätterte wie ein Buch und wie sie dort schwer beeindruckt auf einer Edelweiß-Wiese gestanden habe. Überwältigend aber war auf dem Weg durch das Baksan-Tal im Kaukasus das Auftauchen der blendend weißen Schneeberge im Elbrusgebiet.

Nach dem Fall der Mauer bereiste Helga u. a. Island und nun wurden die Alpen wieder erreichbar. Hier hat sie in Südtirol ihre zweite Heimat gefunden, verliebt in das Martell, das Tal ihrer Sehnsüchte und Träume, vereint mit unseren weiteren Ehrenmitgliedern, Manfred Haringer aus Schlanders und ihrem Ehemann. In den Bergen ist diese unermüdliche und geduldige Frau dann auch immer draußen, obwohl ihre Gelenke und die Lungen dies eigentlich nicht zulassen. So ist sie z. B. unlängst wieder auf die Zufallhütte im Martelltal gestiegen, was der Besteigung eines Fünftausenders durch einen ganz Gesunden gleichkommt. Hut ab!

Helga Reichstein gehört zu den Wiedergründungs-Mitgliedern unserer Alpenvereinssektion von 1990. Sie war lange Zeit als Schriftführerin Mitglied des Vorstandes und in anderen Funktionen tätig, so auch von 1990 bis 2000 als Leiterin der Geschäftsstelle. Hier war sie wieder das „Mädchen für alles“, vermittelte die Räume der ersten Geschäftsstelle bei der Volkssolidarität, fühlte sich immer mit verantwortlich für Einrichtung, Organisation und Umzüge. Von der ersten Stunde an hat sie die Mitgliederverwaltung aufgebaut und über lange Zeit wesentlich bestimmt. Jeder konnte sich an sie wenden, sie war immer da, sie kannte jeden, wusste alles und wurde so zur guten Seele nicht nur der Mannschaft in der Geschäftsstelle, sondern der ganzen Sektion. Sie hatte auch die Schlüsselgewalt über unseren Vortragssaal, den Hörsaal in der Residenz von Halle, sie besucht jede Veranstaltung, still im Hintergrund, aber immer hellwach und gegenwärtig. Folgerichtig wurde ihr für ihre großen Verdienste die Ehrenmitgliedschaft unserer Sektion verliehen.

Sie verstarb am 21.07.2013 nach kurzer, schwerer Krankheit.