220px Prof. Manfred Reichstein kleinEhrenmitglied 2003

Manfred Reichstein wurde in Dresden im Angesicht des Schlosses, das derzeit wieder aufgebaut wird, geboren. Seine Mutter entstammte einer Bauernfamilie, in der es auch Musiker gegeben hat, sein Vater ist Reichsbahnbeamter gewesen. Der Beruf des Vaters bedingte, dass die Familie oft umgezogen ist und das Kind schon Leipzig, Merseburg und Großkorbetha kennen lernte, bis man 1939 in Halle sesshaft wurde. 

 Da die Familie über Freifahrscheine verfügte und gern wanderte, hat Manfred schon im Alter von 6 Jahren mit seinen Eltern die Alpen besucht. Reiseziele waren das Allgäu, die Berchtesgadener Alpen und die Verwallgruppe, als Kind schon stand er auf dem Nebelhorn und dem Hohen Riffler, immerhin recht hohen Bergen. Seine Mutter sagte, dass er immer am Zugfenster gehangen habe, um die Berge zu sehen und ohne Zweifel ist damals schon die Liebe zu den Alpen und jenem Arbeitsgebiet geweckt worden, das sei Leben erfüllen sollte.

Mit 14 Jahren, damals Schüler am Stadtgymnasium Halle (Saale), hat sich der Junge ohne Wissen seiner Eltern, in der Bergfahrtengruppe unserer Sektion angemeldet. Man traf sich seinerzeit an der Ecke Mühlweg/Burgstraße, wo sich heute unsere Geschäftsstelle befindet, um mit dem Fahrrad in die Brachwitzer Alpen zum Klettern zu fahren. Max Göhre, Leiter der Bergfahrtengruppe, hat Manfred Reichstein sofort aufgenommen, ihm ein Naturtalent zur Bewegung am Felsen bescheinigt, jedoch auch ein gewisses Selbstbewusstsein. Doch der Neue entwickelte sich gut, durfte bald vorklettern und war auch am Regenstein im Harzvorland unterwegs.

Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, in den Annalen unserer Sektion nachzulesen, welche alpinistischen Aktivitäten mitten im 2. Weltkrieg damals noch möglich waren. Durch die Einberufungen zur Wehrmacht wurde die Klettergruppe freilich immer kleiner, Manfred Reichstein hat aber noch 1943 die Bergfahrt in das Dachsteingebirge mitmachen können. Dort habe er, berichtete unser Ehrenmitglied, auch eines seiner wesentlichen Bergsteigererlebnisse gehabt, den lebensrettenden Rückzug aus einer schwierigen Situation. Damals habe sich auch gezeigt, dass ihm Gipfel nicht das Interessanteste waren, sondern, wenn man bergan steigend den Wald verlassen hatte, die Art der Gesteine und Formationen der Felsen. Wenn man den Jugendlichen damals nach seinem größten Wunsch befragt hätte, wäre sein heiß ersehntes Ziel gewesen, in den Ferien auf einer Hütte mitzuarbeiten, die Verpflegung mit Maultieren heranzuschaffen oder bei Gletschermessungen dabei zu sein. Der Krieg hat dies ebenso verhindert, wie er seinen künftigen Lebensweg in Ostdeutschland prägte.

Reichstein machte 1947 Abitur, wurde als Beamtensohn mit der „falschen sozialen Herkunft“ aber nicht sofort zum Studium zugelassen. Nach einem metallhandwerklichen Intermezzo in der Halleschen Maschinenfabrik konnte er dann aber doch an der Martin-Luther-Universität von 1948 bis 1953 Geologie studieren und auch schon promovieren. Auf eigenen Wunsch wollte Manfred Reichstein als Geologe zunächst praktisch arbeiten und wurde für zwei Jahre Betriebsgeologe bei der Staatlichen Geologischen Kommission. Er betreute die Gruben in Elbingerode, fand mit der Harzgeologie sein erstes Schwerpunktthema und versuchte, an die Universität zurückzukehren.

Da er politisch unbeliebt war, gestaltete sich diese Prozedur schwierig. 1956 konnte er jedoch als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geologie der Martin-Luther-Universität seine Hochschullaufbahn beginnen. 1961 folgte die Habilitation mit einer Arbeit über die geologische Deckenbautheorie im Harz. Er entdeckte dabei die Möglichkeit, mit Hilfe von Konodonten, den Zähnchen von Gurkentierchen, eine Alterseinstufung von Kalksteinen vorzunehmen. Mit 33 Jahren war Manfred Reichstein Hochschuldozent für Geologie und galt als einer der besonders hoffnungsvollen Geologen der DDR. Seine wissenschaftlichen Arbeiten über den Harz sind heute noch grundlegend und man erlaubte ihm noch bis 1966 zu Exkursionen in das „nichtsozialistische Ausland“ zu fahren. So lernte er das Engadin, die Glarner Alpen, Hohen Tauern und das Berchtesgadener Land kennen. 1964 und 1967 waren Berufungen an Lehrstühle für Geologie in Jena und Weimar im Gespräch, Manfred Reichstein wurde jedoch nicht zum Professor ernannt und die Stellen nicht besetzt. Er war damals Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft für Geologische Wissenschaften der DDR und sollte auch Präsident des Geologischen Nationalkomitees der DDR und Leiter der DDR-Delegation am Geologischen Weltkongress in Prag 1980 werden. Letzteres lehnte er unter Hinweis auf seine Jugend ab, seine wissenschaftliche Tätigkeit wurde ihm fortan von offizieller Seite schwer beeinträchtigt. Man verbot ihm die Durchführung geologischer Forschungen, weil diese der Vertraulichkeitsstufe VD unterlagen, die ihm nicht gewährt wurde. Und über die Geofernerkundung durfte er als „vertrauensunwürdige Person“ auch nicht mehr arbeiten. Ebenso wurden wissenschaftliche Exkursionen in westliche Länder nicht mehr genehmigt und die 1961 gebaute Mauer schloss sich nun endgültig auch um ihn.

Ein Zeugnis für die seelische Befindlichkeit in dieser Zeit ist ein Gedicht, das niemals publiziert worden ist und das in seltener Eindringlichkeit das typische DDR-Gefühl des Eingesperrtseins wiedergibt. Es ist kaum bekannt, dass Reichstein viele Gedichte geschrieben hat, weil er diese nur im privaten Raum vorlesen konnte. So auch dieses Dokument über die Frustration eines Menschen, den es in die Berge der Welt zieht, was die Machthaber aber verweigern.

Wider die Mauer
Immer, wenn sie naht, die Zeit zum Reisen,
fällt mir, lieb` ich doch die Berge sehr,
die Fessel durch die Mauer doppelt schwer.
Ihr wisst warum; ich muss es nicht beweisen.
Noch hoff` ich sehr, dass ich sie wieder seh`,
die Alpentäler und die Gipfel von Tirol!
Doch da die Zeit verrinnt, befürcht` ich wohl,
darf ich das erst, wenn ich am Stocke geh`!
Mein Ahnen und das Altern macht mich bange,
und tiefer Groll wird immer neu entfacht:
Hier wurden Schranken künstlich ausgedacht!
Eingemauert leb` ich vom Ersatz solange-
und frag´ mich beim Betrachten alter Karten,
wann endlich gibt es mehr, als nur zu warten …?

1968 wurde an der Halleschen Universität die Ausbildung von Geologen im Rahmen der Hochschulreform aufgehoben und Reichstein in die Sektion Geographie „umgesetzt“. Wie früher auch schon, hielt er weiter zahlreiche Vorlesungen über die verschiedenen Gebiete der Geologie, musste dieses Fach als Forschungsgegenstand jedoch aufgeben. Er wandte sich der Astrogeologie zu, begründete ohne jeden Forschungsauftrag oder entsprechende Forschungsmittel in der DDR das Fach der Planetologie und führte 1978 in Cottbus die erste planetologische Tagung in der DDR durch. Auf diesem Gebiet ist Reichstein sehr produktiv gewesen, hat Ausstellungen gestaltet, vier Bücher verfasst und Modelle verschiedener Himmelskörper angefertigt. Das Fernsehen der DDR hat ihn wahrgenommen und er war ein gesuchter Referent und Autor bei der Urania, in Planetarien und beim Kulturbund.

Die erzwungene „Alpen-Abstinenz“ hat Manfred Reichstein als nimmermüder und wandernder Wissenschaftler und Geologe durch zahlreiche Unternehmungen zu den nicht durch staatliche Reisebeschränkungen verschlossenen Traumzielen des ostdeutschen Fernwehs kompensiert. Dabei waren sein Frau Helga, ebenfalls Geologin, und die drei Söhne meistens mit dabei. Reichstein war acht mal im Kaukasus, insbesondere am Elbrus und Kasbek, besuchte zwei mal die Mongolei, hat Mittelasien bereist und am Baikalsee gestanden. Diese Reisen waren privat oder vom Reisebüro der DDR organisiert. Dabei war immer selbstverständlich, dass Reichstein sich vom offiziellen Programm absetzte, seinen persönlichen Exkursionen nachging und wissenschaftliche Ergebnisse mit nach Hause brachte.

Wenn man heute mit ihm über diese vergangene Epoche, die an der Universität aus einem Wechselbad von einerseits fachlicher Anerkennung, andererseits Diskriminierung aus politischen Gründen und teilweiser beruflicher Kaltstellung bestand, spricht, hat man den Eindruck, dass der Mann durch diese Umstände nicht etwa geknickt, sondern gestärkt worden ist. In einem seiner zahlreichen Gedichte aus jener Zeit heißt es: „Angst stärkt nie den eig’nen Rücken, verführt im Gegenteil zum Bücken“. Dieser Verführung ist unser Ehrenmitglied jedoch nie erlegen und die friedliche Revolution von 1989 hat einen Schub neuer Energien in ihm ausgelöst. Nach 29 Jahren Wartezeit wurde Manfred Reichstein zum ordentlichen Professor mit Lehrstuhl in seinem Fach ernannt und konnte maßgeblich an der Wiedereinrichtung des Faches Geologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mitwirken, bis er 1994 in den Ruhestand ging.

Als 1990 aus verschiedenen Kristallisationspunkten heraus die Wiedergründung der in der sowjetischen Besatzungszone und DDR verbotenen Sektion des Deutschen Alpenvereins vorbereitet wurde, gehörte er zu jenen, die sich spontan an den Hauptverein in München gewandt hatten. Manfred Reichstein wurde so Gründungsmitglied der Halleschen Sektion an ihrem „Geburtsort von 1886“ nach 45 Jahren sozialistischer Zwangspause. Heute gehört er zu der kleinen, aber exklusiven Gruppe unserer „Altmitglieder“, die vor dem 2. Weltkrieg und der Teilung Deutschlands bereits aktiv gewesen sind, deren Mitgliedschaft in der DDR ruhen musste und die heute noch dabei sind. Seit der Wiedergründung der Sektion Halle (Saale) im Juni 1990 ist er Vorsitzender des Ehrenrates. In den vergangenen Jahren hat er eine geradezu unglaubliche Aktivität entfaltet, bis zum heutigen Tage an die 30 Vorträge gehalten und über 20 Beiträge für unser Mitteilungsblatt verfasst. Er hat das verloren geglaubte und für die Gründungszeit bedeutende Archiv unserer Sektion, das einen reichen Bestand an bergsteigerischer Literatur und geologisch-wissenschaftlichen Schriften enthält, wiederentdeckt, für uns aufbereitet und nutzbar gemacht.

Durch seine unermüdliche Tätigkeit hat Manfred Reichstein die verloren gegangene Verbindung zu den Wurzeln unserer bald 125 Jahre alten Sektion wieder hergestellt. Als besonders fruchtbar erwiesen sich dabei der dokumentarische Bestand über die touristische Erschließung der Ortlergruppe, bei der unsere Vorväter eine bedeutende Rolle gespielt haben. Sie haben in diesem Gebiet, das nach dem 1. Weltkrieg an den italienischen Staat übergegangen ist, Hütten und Wege gebaut, deren Dokumentation als verloren galt. Reichstein hat diese Informationslücken aufgearbeitet und lebendige Beziehungen zu den Alpenvereinssektionen in Pejo und in Südtirol hergestellt. Auch die Wiederanknüpfung der Verbindungen zum Zittelhaus (heute Sektion Rauris des OEAV), das von 1925 bis 1984 im Besitz unserer „Exilsektion“ in der Bundesrepublik Deutschland gewesen ist, verdanken wir ihm. Er ist aufgrund seiner Lebenserfahrung manchmal ein unbequemer Mahner, auf der anderen Seite aber für alle Mitglieder unserer Sektion auch ein väterlicher Ratgeber.

Wer Herrn Prof. Dr. Reichstein in seiner Wohnung besucht, taucht ein in die Welt eines Gelehrten. Er ist umgeben von Atlanten, Büchern, Karten und Archivalien. Es ist deutlich zu spüren, dass dieser Mann keine engere Beziehung zu dem hatte, was man Karriere nennt. Ihn haben immer die Inhalte interessiert, nicht deren Verpackung und Politur. Ebenso wenig haben ihn Gipfeltouren interessiert, wohl aber die Entstehung und der Aufbau der Berge und deren Veränderungen, ganz aktuell auch durch den Klimawandel. Wer mit ihm spricht, spürt die Energie des ehemaligen Tennisspielers und die Konzentration wie den Weitblick des Schachspielers. Den Besucher wundert nicht, dass dieser Mann früher das Fahrrad auf die Roßtrappe (Harz) hinauf und über die Schurre wieder ins Bodetal hinunter geschoben hat. Er freut sich auch, wenn Reichstein augenzwinkernd erzählt, dass er mit acht Jahren in Berchtesgaden Adolf Hitler „durch die Beine gerutscht und um die Stiefel gezischt“ ist, als dieser ihm die Hand schütteln wollte und dass er in den 50er Jahren im halleschen Astronomie-Zirkel Margot Feist, die später Honecker hieß, kennen gelernt hat. Seine altersbedingte Schwerhörigkeit setzt unserem Ehrenmitglied zu, was er aber mit Würde und Stärke erträgt und ihn nicht daran hindert, weiter seine temperamentvollen Vorträge zu halten. Das Gespräch mit ihm ist immer möglich und für jeden, der sich darauf einlässt, wird es zum Geschenk, mit dem er bereichert nach Hause gehen kann. Manfred Reichstein bedauert, dass er seine frühen Forschungen über Schneekristalle nicht publizieren konnte und den Kilimandscharo nicht bestiegen hat. Er betrachtet es aber als ausgleichendes Glück, dass er heute per Internet aufgrund der Erfolge kosmologischer Forschungen auch auf die Rückseite der Planeten schauen kann.

Man spürt, dass Manfred Reichstein deutlich am Gefangensein in der DDR gelitten hat und wie er Falschheit, Banalität und Angeberei verabscheut. Man bemerkt auch, dass die Rehabilitation nach 1989 diesem außerordentlichen Manne eine späte Befriedigung geschenkt hat, dass er weiterhin seine Freude hat am ruhigem Nachdenken, dass er die weibliche Denkungsart hoch achtet und ihm Spannkraft und Energie imponieren. Die Themen gehen ihm nie aus. Die kosmische Geologie, Gletscherforschung, sibirische Felsformationen, die Hallesche Stadtgeschichte und natürlich der Alpenverein halten ihn unverändert in Atem. Seine Vorträge bestechen durch einen enorm weiten Bildungshorizont, durch exzellente Anschaulichkeit und durch eine ansteckende Begeisterungsfähigkeit. In jedem Rednerwettstreit würde Reichstein auch heute mit über 80 Lebensjahren noch auf dem Podest landen.

Dieses Kommunikationsgenie gestaltet Ausstellungen im Museum in Sonneberg (Thüringen), verfasst Buchbeiträge über den Ortler (Athesia-Verlag, Bozen), korrespondiert mit dem alpinen Urgestein Oskar Dyhrenfurt (Salzburg), begeistert den evangelischen Superintendenten für die von Halle aus gebaute Kapelle in Sulden am Ortler, macht die Hallesche Feuerwehr auf ihren Gründer aufmerksam, forscht unablässig im Martelltal auf den Spuren von Payer, befruchtet die Steller-Gesellschaft (Halle) und verfasst Aufsätze für deutsche und südtiroler Zeitschriften. Mit ihm vertraute Menschen erkennen, dass dieser Mann nicht anders kann, als immer zu denken.


Nachruf Manfred ReichsteinJeder Mensch ist einzigartig. Unser Ehrenmitglied Prof. Dr. M. Reichstein, im Alter von 84 Jahren am 11.10.2012 verstorben, war es auf eine ganz besondere Weise.

Er wurde am 18.4.1928 in Dresden geboren und war 10 Jahre alt, als sich seine Eltern in Halle (Saale) niederließen. Mit ihnen hatte er als Kind schon die Alpen erlebt und ist 14-jährig ohne Wissen seiner Eltern Mitglied in unserer Sektion geworden. In den „Brachwitzer Alpen“ lernte er klettern und machte noch 1943 eine Bergfahrt der Sektionsjugend in das Dachsteingebirge mit.  Schon damals aber interessierte ihn die alpinistische Leistung oder ein Gipfel weniger, als die Art der Gesteine und die Formation der Felsen.

Nach dem Abitur zunächst nicht zur Hochschule zugelassen, arbeitete er in der Halleschen Maschinenfabrik und studierte von 1948 bis 1953 Geologie an der Martin-Luther-Universität. Anschließend arbeitete er als Geologe und wurde 1956 wissenschaftlicher Assistent an seinem Studienort. Schon 1961 folgte die Habilitation über die Geologie des Harzes und mit 33 Jahren war er Hochschul-Dozent. Doch seine politische Unabhängigkeit und die Schließung des Geologischen Institutes beendeten seine Karriere als Geologe. In der Sektion Geographie der Universität wandte er sich daraufhin den neuen Arbeitsgebieten der Planetologie und Astrogeologie zu, hielt Vorlesungen, organisierte Kongresse, verfaßte vier Bücher und gestaltete Ausstellungen.

Er bereiste mit seiner Frau Helga, auch Geologin, und den drei Söhnen, mehrfach den Kaukasus, Mittelasien und die Mongolei, wobei stets wissenschaftliche Ergebnisse nach Hause mitgebracht wurden. Die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands rehabilitierten den Wissenschaftler Reichstein. Er wurde zum ordentlichen Professor mit Lehrstuhl ernannt und konnte bis zur Emeritierung 1994 bestimmend am Aufbau des Institutes für Geologische Wissenschaften mitarbeiten.

Im Jahre 1990 ist Manfred Reichstein maßgeblich an der Wiedergründung der Sektion Halle (Saale) des Deutschen Alpenvereins, die in der DDR nach dem 2. Weltkrieg über 45 Jahre verboten gewesen war, beteiligt gewesen. Er war in Halle der Einzige, der schon vor 1945 die Mitgliedschaft im DAV innehatte und er wirkte mit großer Energie bei der Wiederbelebung der Sektion mit. Er übernahm den Vorsitz des Ehrenrates und er entdeckte das verloren geglaubte Sektions-Archiv. Mit einer schier unermüdlichen Kraft arbeitete er das historische Archivgut auf und machte es für uns nutzbar. Er brachte einer ganzen Generation von Wanderern und Bergsteigern in Halle, die von der früheren Existenz eines Alpenvereins kaum oder nur aus dem Westfernsehen etwas wußte, in zahlreichen Vorträgen und Publikationen die Geschichte nahe. Es gelang ihm, eine lebendige Verbindung zu den Wurzeln unserer über 125 Jahre alten Sektion herzustellen. Darüber hinaus knüpfte er die Freundschaften zu unserem Südtiroler Ehrenmitglied Manfred Haringer und den Sektionen Martell und Pejo im Ortlermassiv, und nach Rauris in den Hohen Tauern, wo unsere Großväter Hütten und Wege gebaut hatten. Für seine verdienstvolle Tätigkeit wurde Prof. Dr. Manfred Reichstein im Jahre 2003 zum Ehrenmitglied unserer Sektion ernannt.

In seinen letzten Lebensjahren mußte Manfred Reichstein zunehmend unter der Last von Krankheit und Alter leiden. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, bis 2010 regelmäßig in sein geliebtes Martelltal  und nach Sulden zu fahren, um seine Projekte eines Erinnerungs-Stadels an Julius Payer und die Darstellung der Schönheit des Kosmos in der evangelischen Kapelle weiter zu entwickeln. Sehr schwer ist ihm auch der Verzicht gefallen, im Jahr 2011 nicht an der Feier zum 100. Geburtstag der Monte Vioz Hütte in Pejo teilnehmen zu können. Aber auch als sein Körper ihm nicht mehr folgen wollte, blieb Manfred Reichsteins Geist überaus rege und er war immer gut für einen neuen Plan. Eine kurze, aber schwere Erkrankung brach sein irdisches Dasein ab, von dem seine Familie zu Recht schrieb, daß ein erfülltes Leben seine Vollendung gefunden hat.

Manche haben einen väterlichen Freund verloren, viele in unserer Sektion werden die guten Wegweisungen von Manfred Reichstein vermissen, seine temperamentvollen Vorträge und Schriften werden uns allen fehlen. Die Mitglieder, der Beirat und der Vorstand unserer Sektion werden ihrem verstorbenen Ehrenmitglied ein ehrendes Gedenken bewahren.

DER VORSTAND