ulrich ruessEhrenmitglied 2017

Das Unikum
Der Vorstand unserer Sektion hat einen besonderen Anlass gesehen, Ulrich Rueß zur Wahl als Ehrenmitglied in der Mitgliederversammlung 2017 vorzuschlagen. Der Beweggrund war dessen sechzigjährige Mitgliedschaft im DAV- eine schiere Unmöglichkeit für einen Mann mit ostdeutscher Biografie.

Denn der Alpenverein ist 1945 von den Allierten in Deutschland verboten worden und in Halle (Saale) war es erst im Jahre 1990 nach der Einheit möglich, die Sektion  wiederzugründen. Die Mitgliedschaft konnte folglich höchstens 27 Jahre bestehen, wenn es nicht eine höchst seltene Ausnahme gegeben hätte. Diese lag bei Ulrich Rueß vor, weil er aufgrund einer besonderen Familiengeschichte im Jahre 1957 in den Alpenverein aufgenommen worden ist.   

Die Familie Rueß (ausgesprochen ruess ), stammt aus München und ist dort nicht ganz unbekannt. Denn nach Herrn Johann Rueß, 1913 Mitbegründer im „Bund Naturschutz in Bayern e. V.“ und Großvater unseres Jubilars, ist im Stadtteil Allach-Menzingen eine Straße benannt. Es scheint, dass in der Sippe ein Alpen-Gen vererbt wurde, denn alle Mitglieder sind in die Berge gegangen, auch als sie längst schon im Tiefland gewohnt haben. Ulrichs Vater ist in den 1930er Jahren aus Ludwigshafen zum Aufbau des Hydrierwerkes in die Leunawerke gekommen, zog seine Frau aus München nach und am 13.6.1940 wurde Ulrich Rueß in Merseburg geboren. So oft es die Behörden erlaubten, ist die ganze Familie nach München gefahren, denn dort gab es das Elternhaus, Verwandte und die Alpen zum Wandern. Auch nach dem Krieg wurde in der alten Heimat Urlaub gemacht, wo Uli von seinem Vater und Onkel schon früh ins Gebirge mitgenommen wurde, u. a. auf die Alpspitze. Sein Onkel hat den jugendlichen Oberschüler aus der DDR in München im DAV angemeldet, er erhielt seinen (noch vorhandenen) Ausweis und dann brach bald die Zeit an, in der die Ostdeutschen von ihrer Regierung durch den Mauerbau für drei Jahrzehnte vom Besuch der Alpen ausgesperrt wurden. In der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR ist der DAV nicht wieder zugelassen worden, in Westdeutschland hat sich 1954 die „Exilsektion Halle“ des Alpenvereins gegründet. Dieser Vorgang ist im Osten unbeachtet geblieben, die Alpinisten wichen in die erreichbare östliche Gebirgswelt aus, bis die Wiedervereinigung Deutschlands Wirklichkeit wurde. Da entdeckte Uli seinen Mitgliedsausweis wieder und es stellte sich heraus, dass seine Zugehörigkeit zwar geruht hatte, aber nicht beendet worden war. Er musste also gar nicht mehr in den DAV eintreten und erfreulicherweise den Mitgliedsbeitrag nicht nachzahlen. In der Mitgliederliste von 1996 der in Halle (Saale) wiedergegründeten Sektion (die Exilsektion ist 1990 in der Sektion Hochtaunus Oberursel aufgegangen) hat es zwei Mitglieder gegeben, die „heimlich und illegal“ und auch unbewusst im DAV gewesen sind. Dies waren Ulrich Rueß und Prof. Dr. Manfred Reichstein (seit 1942), unser unvergessenes Ehrenmitglied. Dass die zwei „Altmitglieder“ in der Ehrung jetzt wieder beieinander stehen ist allerdings kein Zufall, sondern die Anerkennung beider für  bedeutende Leistungen.  

Das Unikat

Ulrich Rueß ist in Leuna zur Schule gegangen und danach nach Merseburg auf die Ernst-Haeckel-Oberschule (EOS, zuvor und heute wieder Domgymnasium) in den altsprachlichen Zweig gewechselt. Nach dem Abitur studierte er Physik an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) und arbeitete nach dem Diplomabschluss als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung  des VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht. Die Forschungsarbeit ließ sich zunächst gut an und eine Kongressreise nach Leningrad mit wissenschaftlichem Vortrag gab Auftrieb. Auch im Privaten fand er in der Heirat mit der Apothekerin Annemarie sein Glück, ein Sohn wurde geboren und die Zukunft erschien aussichtsreich. Doch in den folgenden Jahren wurde Ulrich Rueß an seiner Arbeitsstelle zunehmend an den Rand gedrängt, ist beruflich nicht mehr gefordert worden und hat vorwiegend „für die Schublade“ gearbeitet. Erst viele Jahre später hat er aus seiner Stasi-Akte erfahren, wie ihn die Vorgesetzten seinerzeit beurteilt haben. Sie ordneten ihn als „kadermäßig hoffnungslosen Fall ohne Aufstiegsmöglichkeiten“ ein, wobei nicht unerheblich gewesen ist, dass er politisch nicht aktiv war, parteilos blieb und sich in seiner Kirchgemeinde engagiert hat. Der frustrierenden beruflichen Zurücksetzung hat der aufrechte Mann ein Ende bereitet, indem er in das Betriebs-Gesundheitswesen seines Betriebes wechselte und fortan in der Arbeitshygiene der chemischen Industrie tätig war. Nach der friedlichen Revolution von 1989 geriet er unverschuldet durch die Abwicklung seiner Arbeitsstelle in den Unterbeschäftigungs-Strudel der DDR-Akademiker, hat nach kurzer Zeit aber  bis zum Eintritt in den Ruhestand bei der Bearbeitung von DDR-Patenten und der Sanierung der Leuna-Werke gearbeitet.

Seit der Wiedergründung der Sektion Halle (Saale) des Deutschen Alpenvereins im Jahre 1990 hat Ulrich Rueß in verschiedenen leitenden Funktionen beim Aufbau und bei der Festigung von Strukturen und Projekten mitgearbeitet:

  • 1994 hat er im Mitteilungsblatt seinen ersten Tourenbericht (zusammen mit R. Knoblich) veröffentlicht. Bis zum heutigen Tage gibt es kein einziges Heft, in dem er dies nicht wiederholt hätte, zumeist auch mehrfach.
  • 1997 trat er mit der Einladung zur „Frühlingswanderung ins Grüne“ zum ersten Mal als Organisator eines Ausfluges in Erscheinung. Die Frühlingswanderung wurde unter seiner Leitung zu einem Klassiker unserer Sektion, der in jedem Jahr Anklang findet.
  • 1997, vor genau 20 Jahren, übernahm Ulrich Rueß die Redaktion des Mitteilungsblattes, die er bis heute innehat. Dabei hat er zusammen mit zahlreichen Autoren sowohl den Inhalt, als auch die Text- und Bildgestaltung beständig weiterentwickelt.
  • Ebenfalls 1997 hat er den Wanderleiter-Lehrgang des DAV im Prinz-Luitpold-Haus im Allgäu absolviert und seither unzählige Bergtouren in unserer Sektion organisiert. Besondere Beliebheit haben seine einwöchigen Hütten-Touren gefunden, z. B. in die Ötztaler und Stubaier Alpen, in den Wilden Kaiser und in das Wettersteingebirge. Durch ihn haben viele Mitglieder nicht nur die Bayerischen Vor-, sondern auch die Zentralalpen kennengelernt, und selbstverständlich alle deutschen Mittelgebirge.
  • 1998 und in den Folgejahren war Ulrich Rueß Vorstandsmitglied als Schriftführer und im Beirat für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Als Mitteilungsredakteur hat er bei allen Großvorhaben, wie der Ausstellung zum 120. Sektionsgeburtstag in der Halleschen Saline 2006, zum 100. Geburtstag des Rifugio Mantova al Vioz 2011, unserer ehemaligen Monte-Vioz-Hütte mit der höchsten Kirche Europas im Ortlergebiet und bei der Errichtung des Denkmales für die Hallesche Hütte auf dem Eisseepass im gleichen Jahr in der ersten Reihe mitgewirkt.   

Als würde das nicht ausreichen, ist der Jubilar Mitglied der Deutschen Jakobus-Gesellschaft und pilgerte in kleinerem Kreis zahlreiche Jakobswege in Deutschland. Solange ich ihn persönlich kenne, und wir sind schon vor fünfzig Jahren gemeinsam durch Thüringen und die Lausitz gewandert, fotografiert er wie ein Wilder, reist mit seiner Frau in der Welt herum, sammelt Briefmarken wie Bierdeckel, betreibt so nebenbei Heimatgeschichte und singt jeden Montagabend Bass im Kirchenchor. Er hat auf seinen zahlreichen Touren allerdings nicht immer eitel Sonnenschein gehabt. Im Wilden Kaiser musste er vor Jahren die Launen einer giftigen Hüttenwirtin ertragen, aus Gesundheitsgründen zwischen Karwendel und Wetterstein auf die Zugspitze verzichten und mindestens 15 Wanderlustige sind ihm heute noch gram, weil er sie vor dem Rotwandhaus in der Dämmerung einer Gewalt-Etappe durch Latschenkiefern gejagt hat. Die schwerste Prüfung eines Wanderleiters hatte er zu durchstehen, als im Jahr 2000 Gerlinde Lauterbach in seiner Gruppe auf dem Stubaier Höhenweg gestorben ist. Für die Haltung, mit der er dieses tragische Ereignis bewältigte und danach wieder in die Berge gehen konnte, hat er vielfältige Hochachtung erfahren. In der Mitgliederversammlung 2017 hat Ulrich Rueß das Ehrenzeichen des DAV für 60 jährige Mitgliedschaft erhalten, doch weit schwerer wiegt, dass er gleichzeitig einstimmig für seine außerordentlichen Leistungen zum Wohle unserer Sektion zum Ehrenmitglied erwählt wurde.

Ernst Fukala, März 2017