AV Halle Schild Stecknerweg kl.jpgA2Bergrettung Sulden logoA3Hist Logo DAV Halle Rede zur Einsegung des rekonstruierten Halleschen Stecknerweges am 02.09.2018

Im fernen Jahr 1886 wurde durch den D.u.Ö. Alpenverein die Gründung der Sektion Halle an der Saale mit anfänglich 22 Mitglieder vollzogen. Durch Sektions-versammlungen wurde die Bedeutung der Pflege der Bergkameradschaft im gesell-schaftlichen Interessen betont. Bald konnten auch

hochalpine Bestrebungen und Leistungen von Sektionsmitgliedern bes. durch Vorträge publik gemacht werden, wodurch eine rapide Zunahme an Mitgliedern zu verzeichnen war. So entwickelte sich bis zum Vorkriegsjahre 1913 bereits ein Vereinsmitgliederstand von 534 Personen. Damit verbesserte sich auch die finanzielle Situation der Sektion und man konnte an eine praktische Tätigkeit denken und ins Auge fassen, sie durch einen Hüttenbau am Eisseepass zu verwirklichen.

Herr Dr. Theodor Christomannos, Tourismuspionier der Sektion Meran und der Kaiserliche Rat, Johann Stüdl aus Prag vom Zentralausschuss, leiteten alles in die We-ge, um der Sektion Halle an der Saale bei diesem Vorhaben unter die Arme zu grei-fen. Mit Beginn des Jahres 1895 wurde der Hüttenbau durch Beschluss der Mitgliederversammlung genehmigt. Mit diesem Beschluss wurde bereits die Baufirma Musch & Lun aus Meran empfohlen, die die Wasserschutzmauer gegen ausbre-chende Wasserstuben vom Martelltal-Gletscher gerade beendet hat. Kostengünstig konnte das übrig gebliebene, geschnittene Holz bei Zufall für den Bau der Halle-schen Hütte verwendet werden, das mit Pferden bis zum Langenferner und weiter mit Trägern auf den Eisseepass geschleppt wurde.

Anders sah es auf Suldner Seite aus: Sobald sich die Sektion für den Eisseepass in 3.133m als Hüttenbauplatz entschieden hatte, waren sich Vorstand und Baukommission darüber klar, dass ein neuer, eisfreier Zugangsweg für den Hüttentransport sowie für alle Touristen geschaffen werden sollte. Dazu wurde in den Jahren 1895 und 1896 der neue Weg durch den Bergführer Johann Pinggera II aus Gomagoi begonnen und musterhaft vollendet, was der Zentralauschuss des D.u.Ö. Alpenvereins mit 1.700 Mark mitfinanzierte.

Obelisk Gebet kleinDer neue Weg folgt dem alten Weg zur Schaubachhütte und weiter bis fast an die Moräne des Suldenferners. Hier beginnt links abbiegend der neue Weg. In unzähli-gen Serpentinen windet sich der bis zu 1 m breite Pfad teils durch Gestein, teils durch grobes Geröll an den Hängen der Eisseespitze empor, dabei bietet er stetig wechselnde Aussichten. Zum einen auf den grünen Boden des Suldentales hinab nach Stilfs, dann zum kleinen Ebenwandferner auf das Madritschjoch und schliess-lich auf das zerklüftete Becken des Suldenferners mit seinem majestätischen Dreigestirn: Königsspitze, Zebru053königsspitze und Ortler, wobei man sich nicht satt sehen kann, vor der Erhabenheit dieser Giganten!

In normalen Zeiten ist der Weg hinauf zum Grat schneefrei, nur in so ungewöhnlichen Jahren wie 1896 trifft man dicht unter dem Grat auf Schneehänge. Sobald man den Kamm erreicht hat, eröffnet sich mit einem Schlag die Aussicht auf die das Martelltal umschliessenden Berge, inmitten riesiger Firnfelder ragt im Süden der drei-gipflige, weiße Cevedale auf. Von hier aus hat man die Hochgebirgswelt vor Augen, dort die Suldner Kolosse und hier die Bergwelt von Martell. Der Gipfel der Eisseespitze besteht aus 2 Felstürmen, die durch einen etwa 20 m langen Schneegrat verbunden sind. Zwischen diesen Türmen ist ein Drahtseil derartig angebracht, dass auch schwindelige Personen diese Passage ohne Scheu zurücklegen können. Direkt hinter dem zweiten höherem Turm geht es auf gutem, spaltenlosen Schnee in ganz sanfter Neigung abwärts zur 113 m niedriger gelegenen Halleschen Hütte. Den Weg anders anzulegen, erwies sich als unmöglich!
Der gesamte Hüttenbau, mit Einrichtung und Versorgung der Hütte wurde durch Pferdelasten bis Schaubach transportiert und weiter auf den Rücken der zähen Marteller Trägerschaft zu seinem Ziel, am Eisseepass. Am 21. August 1897 konnte unter zahlreicher Beteiligung die Hütte feierlich eingeweiht werden.

Sie wurde für 2 Jahre von Peter Paul Pohl vom Köfelguthof in Kastelbell als Pächter geführt. Er hat sich mit der Fertigstellung der Halleschen Hütte große Verdienste erworben. Auf dieser Höhe, in dieser Ausgesetztheit, überrascht von Wetter und unvorhersehbaren Situationen, die überbrückt werden mussten, hat er mit eigenen Geldmitteln Druck auf die Handwerker ausgeübt, damit sie am Bau der Hütte weitermachen und nicht davon laufen.

Daraufhin folgten als Hüttenpächter die Gebrüder Simon und Fidelis Reinstadler von den Gampenhöfen in Sulden. Als Koch und Bergführer übernahmen sie von 1900 bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs im Jahr 1914 die Hallesche Hütte, die damals für kurze Zeit die höchste Schutzhütte in den Ostalpen war. Sie verstanden es glänzend in dienstwilliger Weise, trotz der Schwierigkeiten des Transportes, allen Anforderungen gerecht zu werden und vergrößerten die Hütte durch einen zusätzlichen Anbau. Durch den bezaubernden Hüttenstandpunkt und der professionellen, guten Versorgung mit warmen Speisen wurde die beheizte Hütte bis weit über die Grenzen Tirols hinaus schnell bekannt. Fidelis war ein gesuchter Führer und Obmann der Führerschaft, der auch in den schwierigsten Lagen nie versagt hat, ein trefflicher Mensch, dessen lauterer Charakter ihm nur Freunde schuf. Ein wahrer Freund aller Hallenser, der mit uns auch nach dem Zusammenbruch im 1. Weltkrieg und nach der Vernichtung unserer schönen Hütte noch immer gehofft hat, dass sie für unsere Sektion neu erstehen würde. Davon geblieben sind lediglich die zerronnenen Träume

Auch der „Hallesche Stecknerweg“, benannt nach dem ehemaligen 1. Vorsitzenden, zeugt von dieser Zeit und wurde konstant durch den Rückgang des Suldengletschers immer mehr benutzt. So wurde er durch unsern Bergfreund Konrad Knoll mit freiwilligen Helfern, bereits einmal vor 30 Jahre in Stand gesetzt und ausgebessert, da Gäste, Bergsteiger und vor allem er selbst ihn unzählige Male benutzt hat. Als Suldner Museumsgründer betrieb er leidenschaftlich die Bergung von Mineralien und der Kriegsrelikte, die sich am Fels und im Gletschereis entdecken ließen und jetzt dem Besucher im Suldner Museum durch die Einzigartigkeit und Vielfalt in Staunen versetzt.

BauGDer Verlust unsers lieben Konrad, der 2015 verstorben ist, zeigte sich auch am ver-wilderten „Stecknerweg“, der infolge von Erosion, Unwetter, Steinschlag, Schneela-winen, Permafrost, u.v.a. von niemanden mehr beauftragt fühlt, ihn in Stand zu hal-ten und zu setzen, obwohl dieser Weg in Zukunft der einzige sein wird, wo man von Sulden aus das Cevedalegebiet erreichen wird.

Ausgelöst durch das öffentliche Erinnern an die Sektion Halle auf dem Schild am Wegezugang wollte sich die DAV Sektion Halle erneut ihrer Verantwortung stellen und etwas tun. Letztlich bewogen zwei tödliche Abstürze am „Steckner Weg“ den Vorstand der Sektion Halle, sich nach jemandem umzusehen, der den WeDSCN2773 klg neu anlegt, ausbessert und durch Halteseile an kritischen Stellen sichert. Dazu wurde von Seiten der Sektion Halle die finanzielle Unterstützung zugesichert. Mit grosser Erleichterung übernahm und verpflichtete sich die Bergrettung Sulden, dieser notwendigen Aufgabe nachzukommen.

Mit Genugtuung und Freude eröffnen wir heute den neu angelegten, gesicherten und jetzt als „Hallescher Stecknerweg“ bezeichneten Gebirgspfad, durch den Namenszusatz die künftige Verantwortung der Sektion Halle betonend. Der Übergang ins Martelltal und Cevedalegebiet ist so gesichert, dabei eingebunden sind die Überreste der Halleschen Hüttenruine. Das ist Bewahrung erlebter Geschichte, Bewahrung der Erzählungen, die niemand mehr zerstören kann, denn sie sind ein fester Bestandteil unserer gemeinsamen Heimat geworden.

Jedem einzelnen Arbeiter, der für die Sicherheit am „Stecknerweg“ seinen Beitrag geleistet hat, gebührt ein inniger Dank. Der stille Dank liegt darin, wenn nach einer ausgiebigen Bergsteigersaison alle natur- und bergbegeisterten Personen unfallfrei zu Ihren Familien heimkehren.

Berg Heil!
Manfred Haringer. Göflan, den 01.Sept.2018